Als eine der wenigen Menschen, die nicht nur in Berlin leben, sondern hier auch geboren wurden und aufgewachsen bin, habe ich den Andrang auf meine Heimatstadt wahrscheinlich etwas anders erlebt, als jeder hippe Schwabe, der nach Prenzlauer Berg kam und dort sein Zelt aufschlug, womit ich an sich überhaupt kein Problem habe. Ich finde fremde Menschen relativ uninteressant, so lang ich in Ruhe leben kann und mag Dialekte, auch, wenn ich sie meist nicht verstehe. (Was eine sehr peinliche Schwäche von mir ist.) Allerdings gab es gewisse Dinge, die mich dennoch störten an dieser Flut von Nicht-Berlinern, die ich für eine lange Zeit aber nicht benennen konnte. Es wird jetzt kein Artikel darüber kommen, was die Fluktuation mit den Mieten innerhalb des Sbahn-Rings angestellt hat, da ich darüber früher keinerlei Ahnung hatte und ich in einer ziemlich coolen 4er-WG mit zwei Katzen an der Jannwitzbrücke für keine 300 EUR wohnte.

Als ich aber mal vor meinem Studium bei einem großen Onlinestore gearbeitet habe, in dem die interne Kommunikation über Skype lief und mich hier ein Kollege aus einer anderen Abteilung scheinbar anzuflirten begann, kam mir hier eine kleine Erleuchtung darüber, warum ich die Zugezogenen aber immer etwas befremdlich fand. Er schrieb mir, wir smalltalkten. Schreiben kann ich besser als sprechen, wenn es um den ersten Kontakt geht und so schrieben wir ein bisschen. Ich glaube, wir verstanden uns gut. Irgendwann wurde es allerdings immer weniger ein lockeres Skypegespräch, als eine ziemlich unangenehme Fragestunde, in der er mir ziemlich, für mich unbedeutende Fragen zu allem, nur nicht zu meiner Person, stellte. Welche Musik ich hörte, worauf ich antwortete, dass ich gern Deutschrap, Hiphop, College Rock und Musik, wie die Spice Girls hörte. Das fand er aber mal sehr uncool. Immerhin war gerade die Zeit des Electro, also noch bevor Minimal supercool wurde. Also folgte eine Belehrung darin, welche Musik gehört werden sollte, wenn man in Berlin so richtig arschcool sein möchte. Ich reagierte darauf mit einem Satz, der mich sofort ins Aus katapultierte. Ich sagte ihm, dass ich mich in Berlin nicht über meine Musik definieren müsste, um cool zu sein, da ich echte Berlinerin bin und hier somit automatisch cool sei. Er sah das scheinbar anders, oder fand mich arrogant, oder fühlte sich ertappt, aber eine Antwort bekam ich nie wieder.

Genau diese Konversation machte mir klar, was genau es war, das mich immer abschreckte bei den „Zugezogenen“. Es war dieses Gefühl, das sie vermittelten, sich immer beweisen zu müssen, weil sie sich eben auch ständig beweisen mussten. Das Gefühl, ständig Trends hinterherrennen zu müssen, damit die anderen Kids einen auch bloß cool genug finden und du nicht alleine auf der Box im Rodeo tanzen musst. (Ja, solange ist das her. Da gab es noch das Rodeo und es war der Place to be.) Vielleicht ist der Druck bei ihnen ein anderer. Keiner der Daheimgebliebenen möchte Geschichten darüber hören, wie man nach Berlin ging, um ein geregeltes, entspanntes Leben zu führen oder die gleichen Dinge zu tun oder die Musik zu hören, die man gehört hat, als man noch in der Heimat gelebt hat. Dafür ist man ja gar nicht hergekommen. Man wollte verrückt sein und die Welt entdecken, sich neu erfinden und im Mauerpark überteuerten Trödel kaufen bevor man dort noch gleich beim Karaoke mitmacht. Und danach wollte man sich dann einen Döner kaufen und noch ein bisschen Gras im Görli und dann wollte man den Tag mit Sterni und Tatort auf der Couch der Frau ausklingen lassen, die man beim Nachmittagsrave am Tag vorher kennengelernt hat. Weil für „entspannt und geregelt“ hat man ja nicht sein gesamtes soziales Umfeld zurückgelassen, weil man möchte etwas zu erzählen haben, um die einen die Daheimgebliebenen dann beneiden.

Ich finde, das kann auch jeder handhaben wie er mag. Aber, liebe Zugezogene, vielleicht solltet ihr lieber anfangen euch cool zu finden, als das, was ihr meint, sein zu müssen. Ich mag meinen Musikgeschmack und ihr solltet euren mögen.

Das war’s für heut. Adieu. xx

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